Franciacorta – jung, dynamisch, mit klarem Profil
Mit der Sommelier-Union auf Entdeckungstour in Italiens faszinierender Schaumweinregion
Vier Tage, sieben Weingüter, unzählige Eindrücke: Unsere Reise in die Franciacorta war ein Eintauchen in ein Terroir, das von eiszeitlichen Gletschern geformt wurde und heute mit lässiger Eleganz zwischen massiven Alpenausläufern, dem glitzernden Iseosee und sanften Hügeln bis zum Monte Orfano verzaubert.


Die Franciacorta ist ein vergleichsweise junges Weinbaugebiet. Der kleine Landstrich der Lombardei war wohl schon immer eine Region der Querdenker. In den 1960ern setzten einige Winzer kompromisslos auf Qualität und traditionelle Flaschengärung – damals belächelt, heute Vorbild. 1990 wurde das Consorzio gegründet, 1995 Franciacorta als erste DOCG für Schaumwein anerkannt. Die Rebfläche hat sich seither auf ca. 3.000 Hektar verzehnfacht. Mit 130 Mitgliedern bleibt die Vereinigung allerdings sehr schlagkräftig. Klare Regeln, kompromisslose Qualität und ein unverwechselbares Profil zeichnen sie aus. Klarheit, Präzision und Frische stehen im Vordergrund – ein Paradies für Liebhaberinnen und Liebhaber von Brut Nature, oder wie es in Italien heißt: Dosaggio Zero.
Wer in der Franciacorta nach opulenten Brioche-Noten sucht, wird selbst bei ausgedehntem Hefelager kaum fündig. Auch setzen die Winzerinnen und Winzer der Region bewusst weniger auf den Einsatz von Reserveweinen als viele andere europäische Schaumweinmacher. Das Ergebnis? Eine beeindruckende Vielfalt an Jahrgangs-Franciacorta, die mit eigenständigem Charakter überzeugen. Ein echtes Alleinstellungsmerkmal ist zudem die Kategorie ‚Saten‘: Mindestens 24 Hefelager, maximal 5 Bar Flaschendruck – das ergibt ein besonders feines, seidiges Mousseux und begeistert mit subtiler Komplexität statt lauter Effekte.


Schon der Auftakt bei Corte Fusia setzte die Messlatte hoch – und die Region hielt dieses Niveau mit beeindruckender Konstanz. Besonders magisch: Der erste Abend auf dem Iseosee. Nach einer stimmungsvollen Bootsfahrt landeten wir auf Monte Isola, Europas größter Binnenseeinsel. Einst Zufluchtsort für Fischer und Schmuggler, heute ein Refugium für Genießer.
Wenn die letzten Tagestouristen verschwinden, legt sich eine fast mystische Stille über die Insel – wir durften bleiben und die blaue Stunde bei einem Abendessen direkt am Wasser auskosten, bevor uns das Inseltaxi zurückbrachte.
Ein weiteres Highlight: Der Besuch der Bio-Milchfarm Cascina La Benedetta. Hier erlebten wir die gesamte Produktionskette hautnah – vom drei Wochen alten Kälbchen bis zum 1,5 Jahre gereiften Hartkäse. Bei 36 Grad Celsius wurden wir selbst zu Käsern und formten Mozzarella im Schatten von uralten Eichenbäumen.
Fachlich inspirierend war die Masterclass im Consorzio Franciacorta: Wir verkosteten Grundweine aus Mikrovinifikationen verschiedener Terroirs
– ein echtes Aha-Erlebnis in Sachen Komplexität und Vielfalt. Besonders spannend: Erbamat, die fast vergessene, autochthone Rebsorte, die als Franciacortas Antwort auf den Klimawandel gehandelt wird und seit 2015 als Rebsorte in den DOCG Statuten zugelassen ist.


Silvano Brescianini, der bisherige Präsident des Consorzios, nennt sie augenzwinkernd die „Anti-Aging-Rebe“. Das unterschreiben wir ihm direkt, nachdem wir den rein-sortigen Grundwein während der Masterclass probieren konnten: Jahrgang 2024 aus 17 Jahre alten Reben mit 12 g/L Gesamtsäure und einem pH-Wert von 2,87!
Eine Kollegin sagte treffend: ,,Bei uns nennt man sowas Verjus!“ In der Cuvee ,Animate‘ mit Chardonnay und Pinot Nero bringt sie nach 3 Jahren Hefelager jedoch animierende Frische, klares Rückgrat und einen enormen Trinkfluss.
Giorgia Karolyi von der Lido Tagesbar war begeistert von der Reise: ,,Die Auswahl der Weingüter war ganz toll und hat die Besonderheiten der einzelnen Ecken aufgeführt.
Der Besuch der Molkerei war perfekt zum Fortbilden, Horizont erweitern und auflockern. Die Fahrt auf dem See mit dem anschließenden Abendessen war ein Luxus. Ich kann nur sagen, dass alles toll geklappt hat und ich mir gar nicht ausmalen kann, was diese Reise für ein logistischer Akt war!“


Ähnlich positiv äußert sich auch George Feiter von Zebra Wein: ,,Diese Reise hat mir sehr intensive Eindrücke in die Herstellung, in die Geschmackswelt und in die Philosophie der Franciacorta Häuser gebracht. Darüber hinaus war es wahnsinnig interessant, die anderen Teilnehmer/innen der Gruppe kennenzulernen
und sich auszutauschen. Alles in allem war die Reise richtig gut und inspirierend.“
Diese Reise hat nicht nur unseren Gaumen verwöhnt, sondern auch unser Herz geöffnet für eine wunderschöne, inspirierende Genussregion mit unglaublich hohem Freizeitwert und ein bisschen Understatement Charakter.
Text: Inge Mainzer
